PM | Erhard Grundl (Grüne): „Es ist nicht an uns, Bedingungen zu formulieren“

22. Mai 2023

Zu der durch AfD und einzelnen Vertreterinnen von CDU/CSU im Bundestag geäußerten Kritik an der Restitution der Benin-Bronzen an den Staat Nigeria, erklärt der kulturpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Erhard Grundl:

„Die Rückgabe der Bronzen war das Ergebnis eines langen Prozesses, bei dem sowohl die Vorgängerregierung als auch die Direktorinnen aller wichtigen deutschen Museen beteiligt waren. Auch die Expertise des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, wurde berücksichtigt. In der Delegation von Außenministerin Annalena Baerbock, die im Dezember 2022 die ersten Bronzen zurückbrachte, waren Abgeordnete von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP vertreten.

Wie nun weiter mit den Bronzen verfahren wird, liegt allein in der Verantwortung der nigerianischen Regierung. Wenn Deutschland dazu wieder mitentscheiden wollte, wäre das die Fortführung genau jenes kolonialen Selbstverständnisses, die Ursache für das begangene Unrecht ist. Es ist nicht an uns, Bedingungen zu formulieren. Ob wir Kulturschätze ganz zurückgeben oder über Dauerleihgaben sprechen, entscheiden die Herkunftsgesellschaften, die die rassistischen Verbrechen erleiden mussten. Das ist die Voraussetzung für einen gleichberechtigten Dialog, den wir gerade mit Ländern wie Nigeria dringend brauchen.

Die im Deutschen Bundestag von Vertretern der AfD und zwei Vertreterinnen der CDU/CSU geäußerten Ansichten, stehen für eine rückwärtsgewandte Herangehensweise, die dem schwierigen und komplexen Thema Restitution und damit auch unserer Verantwortung, das aus dem Erbe des Verbrechens des europäischen Kolonialismus erwächst, absolut nicht gerecht werden.

Dass es innerhalb Nigerias Konflikte gibt, die ihre Ursachen aber letztlich auch in den kolonialen Verbrechen der Europäer*innen haben, kann uns von unserer Pflicht, den Versuch zu unternehmen, begangenes Unrecht zu lindern, nicht entbinden.

Diese Konflikte als Begründung gegen Restitution anzuführen ist niemals akzeptabel. Was wir uns vergegenwärtigen müssen, ist die historische Tatsache, dass koloniales Raubgut unter entsetzlichen Verbrechen nach Europa verbracht wurde. Die „Kolonialherren“ haben gemordet, vergewaltigt und verstümmelt. Vielen Ermordeten in Afrika wurden durch die Europäer die Köpfe abgeschnitten und anschließend nach Europa gebracht. Noch heute lagern 16 000 „Human Remains“ in den Kellern der Museen in Deutschland. Wir werden es nicht zulassen, dass, ausgestattet mit dem Un-Geist des Kolonialismus, die Rückgabe von Raubgut aus kolonialem Kontext diskreditiert wird.“

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Zum Artikel im Straubinger Tagblatt

 

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